Abgelehnt wegen sieben Buchstaben: Wie ChatGPT meinen Editor aus China warf

Apple hat die iPhone- und iPad-Version von Hybrid abgelehnt. Nicht wegen eines Fehlers, sondern wegen eines Wortes in der Beschreibung: ChatGPT. Was dahintersteckt und warum ich China kurzerhand gestrichen habe.

Ein Laptop mit der ChatGPT-Seite

Heute Morgen um 5:13 Uhr kam Post von Apple. Sechs Tage hatte die iPhone- und iPad-Version meines Markdown-Editors Hybrid in der Prüfung gelegen. Ich hatte mit allem gerechnet: einem übersehenen Knopf, einer Frage zur Zusammenarbeit über iCloud, einem Screenshot, der nicht passt. Es kam anders. Abgelehnt wurde die App wegen eines einzigen Wortes: ChatGPT.

Kein Fehler, sondern Geografie

Die Prüfer hatten Hybrid auf einem iPad Air und einem iPhone 17 Pro Max getestet und an der App selbst nichts auszusetzen. Kein Absturz, kein Designproblem, keine Datenschutzfrage. Der Befund steht unter „Guideline 5 – Legal“ und betrifft genau ein Land: China.

Hybrid merkt sich, welche Textpassage von einem Menschen stammt und welche von einer KI. Dazu gehört ein Knopf, der einen Text an ChatGPT, Claude oder Perplexity übergibt. Das steht so auch in der Beschreibung im App Store. Und genau dort hat Apple es gefunden. Die App sei mit ChatGPT verbunden, schreibt das Review-Team, und der Dienst „does not have requisite permits to operate in China“.

Bemerkenswert: Moniert wurden „ChatGPT“ und „GPT“. Claude und Perplexity stehen im selben Satz der Beschreibung, tauchen in der Ablehnung aber nicht auf.

Was China von KI-Diensten verlangt

Der Hintergrund ist kein Apple-Spleen, sondern chinesisches Recht. Seit dem 10. Januar 2023 gelten dort die Vorschriften für sogenannte Deep-Synthesis-Technologien, erlassen von der Internetaufsicht CAC, dem Industrie- und Informationsministerium MIIT und dem Ministerium für öffentliche Sicherheit. Am 15. August 2023 kamen die „Vorläufigen Maßnahmen“ für generative KI dazu. Wer solche Dienste in China öffentlich anbietet, muss sie registrieren und prüfen lassen. Apple verweist in der Ablehnung zusätzlich auf eine Lizenz des MIIT.

Die großen westlichen Anbieter spielen dabei gar nicht erst mit. In der Länderliste von OpenAI fehlt Festlandchina, in der von Anthropic für Claude ebenso.

Apple setzt das im chinesischen App Store durch, und zwar nicht erst seit gestern. Schon Anfang August 2023, kurz bevor die neuen Regeln griffen, flogen dort über hundert ChatGPT-artige Apps raus. Neu war für mich, wie weit das reicht: Es genügt offenbar, dass der Name in den Metadaten steht, also im Titel, im Untertitel, in der Beschreibung oder auf einem Screenshot.

Eine hübsche Randnotiz: Die Mac-Version von Hybrid ist seit Wochen im Store, mit demselben Knopf und denselben Sätzen. Auch in China. Aufgefallen ist es erst jetzt, bei der iPhone-Version.

Drei Auswege, zwei davon theoretisch

Apple nennt in der Ablehnung drei Möglichkeiten.

Erstens: die Funktion für China abschalten und jede Erwähnung von ChatGPT und OpenAI aus den Texten und Bildern entfernen. Für mich hieße das eine Sonderversion der App, neue Beschreibungen in neun Sprachen und 90 neue Screenshots. Für einen Knopf, der in China sowieso ins Leere führt.

Zweitens: widersprechen, falls man die nötigen Genehmigungen hat. Ich bin ein Ein-Personen-Betrieb aus Hagenbach in der Pfalz. Eine Lizenz des chinesischen Industrieministeriums steht nicht auf meiner Liste für dieses Quartal.

Drittens: die App in China nicht anbieten.

Was ich gemacht habe

Variante drei. Es war ein Häkchen in den Einstellungen zur Verfügbarkeit, dazu ein Satz in den Notizen für die Prüfer, dann die erneute Einreichung. Derselbe Build, dieselben Texte, zwei Stunden nach der Ablehnung wieder in der Warteschlange.

Einen Haken hat die Sache: Die Verfügbarkeit gilt für die ganze App, nicht pro Gerät. Mit der iPhone-Version ist deshalb auch die Mac-Version aus dem chinesischen Store verschwunden. Hongkong, Macau und Taiwan haben eigene Stores und bleiben. Die chinesische Übersetzung bleibt ebenfalls, sie wird schließlich auch in Singapur gelesen.

Was das für kleine Entwickler heißt

Wer eine App baut, die irgendwo ChatGPT erwähnt, sollte drei Dinge wissen.

Es geht um Wörter, nicht nur um Funktionen. Hybrid hat kein eigenes Sprachmodell und keine Schnittstelle zu OpenAI. Die App legt einen Text in die Zwischenablage und öffnet eine andere App. Für die Prüfung zählte trotzdem, was in den Metadaten steht.

Der Haken für China ist standardmäßig gesetzt. Wer bei der Einreichung „alle Länder“ stehen lässt, reicht automatisch auch in China ein. Wer weiß, dass seine App westliche KI-Dienste nennt, kann sich die Ablehnung und eine Woche Wartezeit sparen, indem er China vorher abwählt.

Die Entscheidung ist kleiner, als sie klingt. Ein Markt mit über einer Milliarde Menschen, einfach gestrichen? Für ein Werkzeug, dessen Kernfunktion dort nicht nutzbar ist, ist das kein Verlust, sondern Ehrlichkeit. Große Firmen bauen Sonderversionen und beschäftigen Juristen. Kleine Entwickler entscheiden pragmatisch.

Ein wenig schade ist es trotzdem. Die Frage, wer einen Text geschrieben hat, Mensch oder Maschine, stellt sich in Shanghai genauso wie in Hagenbach. Nur eben mit anderen Maschinen.

Jetzt heißt es wieder warten. Diesmal hoffentlich kürzer.